1 – Wissenschaft

Definitionen und Bedeutung, Methoden und Resultate, Wahrheit und Wirklichkeit...

1. Einführung

Was ist eigentlich Wissenschaft?

Einfacher als diese Frage wäre wohl jene zu beantworten, wann überhaupt von Wissenschaft gesprochen werden kann, also wann wissenschaftlich vorgegangen wird und entsprechende Ergebnisse erzielt werden.

Dennoch sollen und dürfen Definitionen nicht fehlen – auch sie gehören unverzichtbar zum wissenschaftlichen Arbeiten. Hier geht es daher sowohl um Definitionen als auch um die Besonderheiten von Wissenschaft.

(1:40)

Definitionen

Definition (kurz)

Die Wissenschaft ist eine »(organisierte) Form der Erforschung, Sammlung und Auswertung von Kenntnissen«.
(Quelle: Pfeifer, W. (2000): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv: München.)

Definition (lang)

Wissenschaftliches Arbeiten ist ein planvoll geordnetes Vorgehen mit dem Ziel, neue Erkenntnisse und neues Wissen zu gewinnen sowie Praxisprobleme zu lösen. Dies kann ohne oder mit konkreten Verwertungsabsichten geschehen, im eigenen Fachgebiet oder interdisziplinär.

Zur wissenschaftlichen Arbeit gehört es, an das weltweit gesammelte und wissenschaftlich erworbene Wissen anzuknüpfen, vorhandene Wissensbestände zu analysieren und zu überprüfen und sich über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion im eigenen Sachgebiet kundig zu machen.

Wissenschaftliches Arbeiten ist zugleich ein kommunikativer Prozess. Die eigenständig und im Austausch mit anderen gewonnenen Erkenntnisse sowie die systematisch und kreativ entwickelten Lösungen werden veröffentlicht und müssen für andere nachvollziehbar, überprüfbar und nutzbar sein.

Damit dies gelingt, gibt es wissenschaftliche Methoden und international anerkannte Qualitätskriterien für gutes wissenschaftliches Arbeiten. Jeder, der eine wissenschaftliche Arbeit anfertigt, muss sich daran orientieren und kann auf diese Weise die Qualität seiner Arbeit für sich und andere sichern und dazu beitragen, den Wissensschatz der Welt zu erweitern.

(Quelle: Balzert/Schäfer/Schröder/Kern (2008): Wissenschaftliches Arbeiten. W3L-Verlag: Witten.)

1.1 Erkenntnisse als Ziel

Ein Wissenschaftler strebt danach, Ergebnisse zu erhalten, die seine zuvor gut definierte Fragestellung ehrlich beantworten bzw. zuvor nachvollziehbar analysierte Probleme lösen helfen.

Dies tut er aber nicht, ohne zuerst einmal sorgfältig geprüft zu haben, welche bisherigen Antworten oder Lösungsangebote es bereits zu seiner Fragestellung gibt; und diese bisherigen Wissensbestände bringt er auf jeden Fall in seine Untersuchung ein...

Hier geht es um die Bedeutung eines konsequent wissenschaftlichen Vorgehens.

(4:29)

Disziplinen

Übersicht und Unterscheidung

Die Wissenschaftsgebiete lassen sich unterscheiden nach Art und Ausrichtung:

  • Formal- bzw. Strukturwissenschaften - Mathematik und Informatik
  • Geisteswissenschaften - Philosophie, Theologie und Kulturwissenschaften
  • Ingenieurwissenschaften - Bauingenieurwesen, Elektrotechnik, Maschinenbau u. a.
  • Naturwissenschaften - Biologie, Chemie und Physik
  • Sozialwissenschaften - umfassen jene Wissenschaftsgebiete, die sich mit den Zusammenhängen des menschlichen Zusammenlebens und damit verbundenen Handlungen und Verhaltensweisen befassen

Für alle gilt, dass sie nach der Vertiefung und Verbreiterung von Grundlagenwissen und nach neuen Erkenntnissen für anwendbare Lösungen forschen.

Auch wenn sie dazu deutlich unterscheidbare Methoden entwickelt haben und anwenden, verbindet sie der grundlegende Ansatz, dass auf systematische, nachvollziehbare und überprüfbare Weise neues Wissen auf Grundlage bisherigen Wissens geschaffen werden soll.

1.2 Forschendes Vorgehen

Aus hochschulischer Praxiserfahrung lässt sich festhalten, dass jede wissenschaftliche Arbeit stets eine klare Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage benötigt, um ein Ergebnis erreichen zu können.

Wissenschaftlichkeit wird hier somit nicht als reduziert auf Formales – wie Gliederung, Zitierungen, Verzeichnisse etc. – verstanden.

(1:57)

1.3 Methodengeleitete Resultate

Wir untersuchen stets mit Kriterien des Messens und des Beurteilens, die unsere Ergebnisse vorbestimmen.

Was wir nicht gemessen oder analysiert haben, liegt uns nicht als Ergebnis vor – und es wären womöglich aber genau diese Ergebnisse, oftmals Daten, die wir für die Erklärung oder Lösung eines Problems benötigen...

(4:44)

1.4 Die Wahrheit der Ergebnisse

Hier erschließen wir uns diese Erkenntnis:

Wir lernen beim wissenschaftlichen Arbeiten keine stets inhaltlich wiederholbaren Lösungsschritte, sondern wir lernen eher grundsätzlich und damit übertragbar die Vorgehensweisen zum Ermitteln von Lösungsmöglichkeiten an sich.

(5:10)

1.5 Falsifikation als Arbeitsprinzip

Sir Karl Raimund Popper steht im Mittelpunkt dieser Videolektion.

Er hat mit seinen Arbeiten wesentliche Beiträge zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie geleistet und kritisierte eine gängige Wissenschaftsvorstellung, nach der aufgrund von konkreten Beobachtungen verallgemeinernd Schlüsse für wissenschaftliche Theorien gezogen werden.

(6:00)

 
 

Dokumentation: Wissenschaftstheorie von Karl R. Popper

Im Gegensatz zu den Positivisten fordert Popper dazu auf, Theorien nicht zu verifizieren, sondern zu falsifizieren. Wenn wir eine Theorie beweisen wollen, dann würden wir das erkennen, was diese Theorie stütze, was ihr widerspreche, würden wir ausblenden. Dies führe im Extremfall zum Dogmatismus. Deshalb sollten wir versuchen, unsere Theorien zu widerlegen.

Fehlersuche wird zum Prinzip erhoben. Wenn wir eine Theorie widerlegt hätten, veränderten wir sie. Damit würden wir zwar nie endgültige Wahrheiten erreichen - denn wir würden auch die neue bzw. modifizierte Theorie zu widerlegen suchen - aber wir würden uns der Wahrheit annähern.

Wir lernen: Wissenschaft ist nicht auf Beweise von tatsächlichen Gegebenheiten ausgerichtet, sondern auf die Suche nach vorläufig gültigen Ergebnissen.

(7:04)

1.6 Wissenschaft und Kommunikation

Das Verstehen von Aussagen und Kontexten, aber auch der eigenen Methodik und Vorgehensweise ist unerlässlich, um überhaupt wissenschaftlich tätig sein zu können.

(3:05)

1.7 Wirklichkeitskonstruktionen

Erkenntnisse, die zu Theorien ausgebaut wurden, können sehr bald überholt sein oder sie wurden inzwischen einfach widerlegt. Wie kann das sein? Schließlich haben sie doch oftmals prägende Wirkungen für unsere Wirklichkeit – und in anderen Fällen wiederum kaum.

Es stellt sich die Frage nach der Wirklichkeit unserer Wirklichkeit – besser gesagt: unserer Wirklichkeiten. Erkenntnistheoretiker der letzten Jahrzehnte haben mit dem »Konstruktivismus« ein Paradigma, also einen Bezugsrahmen beschrieben, der für unser wissenschaftliches Arbeiten bedeutsam ist.

(6:08)

 
 

Dokumentation: Konstruierte Wirklichkeit - Was ist Realität?

Originaltitel: "Wahrheit? Alles Lüge! Wie das Gehirn Wahrheit konstruiert"
(Dokumentarfilm, Deutschland, 2007, 43 min)
Produktion: Ilona Grundmann Filmproduction im Auftrag des ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE.
Regie: Christopher Zahlten

(43:18)

1.8 Passende Vorgehensweisen

Beim wissenschaftlichen Arbeiten richten wir uns auf »passende« Vorgehensweisen, um zu nutzbaren Ergebnissen zu gelangen – ob sie wirklich die »passenden« Vorgehensweisen sind, zeigt sich aber erst im Nachhinein.

Selbstverständlich beachten wir dabei aber die Vorgaben der Methoden, die wir wählen.

(4:06)

Dokumentation: Das Geistige als treibende Kraft

Als der Naturwissenschaftler Hans-Peter Dürr die Geschichte vom Fischernetz und seinen Maschen erzählte, war der Physiker am Werk. Er vermisst und bestimmt aufgrund der Daten sein Ergebnis - bis hin zum Naturgesetz.

Andere Wissenschaften haben andere Vorgehensweisen. In den Geisteswissenschaften etwa zählen Logik, Plausibilität und Verstehen zum notwendigen Handwerkszeug des Wissenschaftlers, in den Sozialwissenschaften geht es beispielsweise um Zusammenhangswissen, das statistisch und empirisch gewonnen und vertieft wird.

Sie alle gestalten unser Wissen, indem sie nach Erkenntnis suchen und diese weitergeben.

Der Physiker Hans-Peter Dürr beispielsweise gelangte zu der Erkenntnis, dass das Geistige die treibende Kraft sei - auch für die Materie.

(2:26)

Vortrag: Food as Medicine

Der Mediziner und Ernährungswissenschaftler Michael Greger (USA) sammelt Forschungsergebnisse wie andere Briefmarken oder sonstiges. Damit sucht er nach Zusammenhängen zwischen häufig auftretenden Krankheiten und der Ernährungsweise der Betroffenen.

An seinen jährlichen Zusammenfassungen vor universitärem Publikum zeigt sich, welche Erkenntnisse konsequentes Auswerten von Forschungsergebnissen bedeuten können.

„Food as Medicine: Preventing and Treating the Most Common Diseases with Diet“ lautete sein Vortrag 2015. Folgen Sie ihm ggf. mit Einschalten der englischen Untertitel über das Einstellungen-Rädchen des YouTube-Videos (oberste Version wählen).

(1:14:43)

Arbeitsfragen / Aufgabenblatt

  1. Welche wesentlichen Merkmale gehören zum Wissenschaftsbegriff?
  2. Wie unterscheiden sich die Wissenschaftsgebiete – und was haben sie gemeinsam?
  3. Wie stellen Sie sich interdisziplinäres Vorgehen vor? Schildern Sie es an einem denkbaren Beispiel.
  4. Warum entdecken die Wissenschaften gemäß Hans-Peter Dürr nicht Eigenschaften der Natur – und wie stehen Sie zu seiner Sicht, dass die verwendeten Methoden das Ergebnis vorbestimmen? Begründen Sie Ihren Standpunkt mit einem nachvollziehbaren Beispiel.
  5. Wie verstehen Sie die Kritik von Paul Watzlawick an der Vorstellung von einer „wirklichen Wirklichkeit“ – und was bedeutet sie für Ihre eigene Vorstellung: Bestärkung oder Infragestellung?
  6. Wenn wir nicht generelle Antworten entwickeln, sondern Vorgehensweisen zum Ermitteln von Lösungsmöglichkeiten lernen wollen: Welche sind Ihnen bereits bekannt oder sogar vertraut?
  7. Welche Folgen für Ihre eigene erste oder nächste Untersuchung könnte die Forderung von Sir Karl R. Popper haben, man solle nach widersprechenden Beobachtungen suchen, um Theorien und Behauptungen zu widerlegen?
  8. Diskutieren Sie – mit Blick auf eine Sie selbst beschäftigende zu erforschende Fragestellung – die konstruktivistische Sicht, nach der Erkenntnis sich nicht auf die Realität außerhalb des Menschen beziehen kann, sondern nur auf die Bewusstmachung der Operationen des eigenen Denkens und Vorgehens.

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Lesefassung

Über diesen Kurs

School

Dieser Videokurs und seine Materialien wurden ursprünglich für das Angebot der School of Veganomics entwickelt und dort bereits im Sommer 2015 als Massive Open Online Course (MOOC) für jeden zugänglich und kostenfrei nutzbar publiziert.

Es werden daher in den Lektionen mitunter aus jenem Themengebiet Anwendungsbeispiele erläutert.

Zudem ist ein Begleitbuch zum Videokurs als Printausgabe sowie als E-Book erschienen, das als Skript der Videolektionen dient, die Arbeitsblätter beinhaltet sowie mit zusätzlichen Informationen nützlich sein kann. Das Manuskript des Begleitbuchs können Sie hier als PDF downloaden.

Buch
 
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2. Auflage 2018

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